Das Zierfischverzeichnis
 
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Auf Zierfischfang mit Blasrohr-Jägern

Bei den Aslis im malaysischen Regenwald

von Dr. Jörg Vierke

Wer eine Reise unternehmen will, bereitet sich im allgemeinen gründlich darauf vor. Ich hatte vor, die Aslis, ein Naturvolk im Inneren Südmalaysias, zu besuchen. Ich fand nicht allzuviel über diese Menschen. Sie sollen die von den einwandernden Malaien in die Dschungel zurückgedrängte Urbevölkerung dieses Gebietes sein. Sie sprechen eine eigene Sprache, haben eine eigene Naturreligion und leben wie jeher als Jäger und Sammler nach ihren eigenen Gesetzen. Unsere Kontaktaufnahme mit den Aslis war für uns, das sind neben mir meine Frau und ein Begleiter, genauso sensationell wie für die Aslis. Wie wir später erfuhren, kannten sie zwar Malaien und Chinesen, Weiße aber kannten viele von ihnen nicht, vor allem aber keine weiße Frau. Wir hätten die Urwaldsiedlung, die nur nach abenteuerlicher Autofahrt und Iängerem Fußmarsch zu erreichen war, nie gefunden, hätten uns nicht einige chinesische Freunde dorthin gebracht. Sie kauften von den Aslis Schlangenkopffische für den Markt und Zierfische für eine Fischfarm in Singapur. Vom Erlös ließen sich die Urwaldbewohner Kleidung, Messer, Töpfe und andere Gebrauchsgegenstände bringen. Da einige der Aslis die malaiische Sprache kannten, konnten sie sich mit den chinesischen Händlern verständigen.

Die Chinesen machten den Aslis klar, daß wir Fischnarren sind, die für ein paar Tage bei ihnen wohnen wollten. Da die Männer alle im Dschungel unterwegs waren, war zunächst allerdings nichts endgültig zu regeln. Wir deponierten den größten Teil unseres Gepäcks in einer Eingeborenenhütte (die Chinesen: ,,Sicherer kann das Gepäck nirgendwo sein!" - sie hatten recht) und ließen uns erst einmal von unseren chinesischen Freunden zum Fluß führen. Der schmale, ausgetretene Pfad durchzog zunächst eine kleine Tapioka-Pflanzung. Dazwischen sahen wir auch Ananaspflanzen, ein Kaffeebäumchen und einige kleine Kautschukbäume. Nach wenigen Minuten führte uns der Weg wieder durch dichtesten Urwald: grün in allen Schattierungen, bizarre Formen wohin man schaute, aber kaum eine Blüte.

Auf dem Pfad kam uns ein braunhäutiger, freundlicher Mann entgegen, klein und zierlich, aber mit Muskelpaketen, die einen neidisch werden ließen. Wie wir später erfuhren, war es Toto, in dessen Hütte wir leben sollten. Er war der beste Jäger und Fischer seines Dorfes und brachte gerade ein großes, prall gefülltes Fischnetz nach Hause. Er zeigte uns seinen Fang: mehrere Schlangenkopffische (Channa marulioides), die größten gut 80 Zentimeter lang, viele große Nilems (Osteochilus hasselti), ein etwa 45 Zentimeter großer Messerfisch (Notopterus chitala) sowie einige Malaiische Vielstachler (Pristolepis fasciata) und Nander (Nandus nebulosus).

Asli-Mädchen beim Fischen
Zum Foto: Asli-Mädchen sind zum Fang von Zierfischen auf den Fluß hinausgefahren.

Nun aber zum Fluß! Vorbei an quer über dem Weg liegenden Baumstämmen, über glitschige Wurzeln erreichten wir eine sandige Bucht. Vor uns der 30 bis 50 Meter breite Fluß und dahinter eine Urwaldkulisse, die ihresgleichen sucht. Jetzt erst erkannte man die Höhe und die Vielgestaltigkeit der Baumriesen. Es ist für den Laien völlig aussichtslos, auch nur einige der Arten zu bestimmen. Wenn die Botaniker richtig gezählt haben, gibt es allein in den Regenwäldern Malaysias etwa 2500 verschiedene Baumarten, die einen Stammdurchmesser von 30 Zentimeter und mehr erreichen. Die Anzahl unterschiedlicher Büsche, Kräuter, Epiphyten und Pilze wird vielleicht niemals bekannt sein. Wir waren beeindruckt von der Großartigkeit des Urwaldpanoramas und dem Formenreichtum seiner Pflanzen.

Ohne zu überlegen, hatten die Chinesen ihre Sachen abgestreift, waren in die Badehosen geschlüpft und in den Fluß gesprungen. Ich ignorierte alles, was ich meinen Schülern über tropische Parasiten zu erzählen pflege - und sprang in den Fluß! Das schlechte Gewissen war schnell geschwunden; erst in der Flußmitte konnte man das ganze abwechslungsreiche Flußpanorama in seiner überwältigenden Größe überblicken.

Doch ein Aquarianer badet nicht lange im Urwaldfluß, ohne an die Fische zu denken, die da möglicherweise um ihn herumschwimmen. Überall mündeten seichte Seitenarme in den Hauptfluß ein. Nur hier schienen uns Fangchancen gegeben, nur hier konnte man auf dem sandigen Grund tiefer in den Urwald eindringen, auch wenn man gelegentlich über querliegende Baumstämme klettern mußte. Ich versuchte mit den Chinesen- ausgezeichnete Händler, aber nur unwesentlich bessere Fischfänger als ich! - mit großen Fangnetzen den Seitenarm abzusperren und nun mit lautem Geplätscher und Geschrei Fische in das Netz zu treiben. Das Ergebnis unserer Mühen waren drei große Halbhechte (Xenetodon cancila), mehr aber nicht. Die Chinesen trösteten mich, die Aslis seien Profis, sie fingen viel, viel mehr. Ich hoffte, daß sie recht hätten.

Jetzt zurück über den Fluß geschwommen ~ er war in der Mitte etwa 2,50 Meter tief ~ und die Wasserwerte gemessen! Die Strömung war so stark, daß man in der Strommitte nur wenige Minuten gegen ihn anschwimmen konnte. In etwa 15 Sekunden treibt ein Blatt zehn Meter. In den mit Schilf, Geäst und Wurzelwerk versehenen Uferzonen sowie in den Seitenarmen floß das Wasser dagegen sehr gemächlich. Dort waren, wie ich später erfuhr, die meisten Fische zu fangen. Das Wasser selbst ist lehmig trüb. Direkt an der Oberfläche zeigte das Luxmeter in der Sonne 17 000 Lux an, in 10 Zentimeter Tiefe waren es 6000 Lux, in 30 Zentimeter Tiefe 5000 Lux. Im Schatten maß ich an der Oberfläche 8000 Lux, in 10 Zentimeter Tiefe 4500 Lux. Das Thermometer zeigte eine Wassertemperatur von 25,5° bis 26° C, der Leitwertmesser 32 Mikrosiemens. Der pH-Wert lag bei 6,1.

Ich war mit meinen Messungen gerade fertig, als Matin erschien, wie ich später erfuhr, der Häuptling dieses Stammes. Er hatte seine beiden kleinen Söhne mitgebracht, die sofort bereit waren, für uns Fische zu fangen. Die Jungen hießen Bai Jan und Dam Wo und waren nach unserer Schätzung etwa 6 und 8 Jahre alt. Ihr genaues Alter kannten weder sie noch sonst jemand im Dorf. Das ist im Urwald nicht wichtig. Ihr Fanggerät bestand aus einem kreisrunden Handnetz mit einem Durchmesser von etwa 80 Zentimeter und einer halben Kokosnußschale zum Aufbewahren des Fanges. Die Kinder wateten in den flachen Seitenarm, der dicht neben unserer Bucht einmündete. Er war dort vier Meter breit, sonst aber im Mittel nur zwei Meter. Der Junge tauchte sein Netz in das trübe Wasser auf den Boden und schaufelte mit der freien Hand so viel wie möglich von dem braunen, den ganzen Gewässerboden bedeckenden Laub in das Netz. Dann trug er sein Netz ans Ufer, schüttete den Inhalt aus, und die Jungen sortierten Blatt für Blatt auf der Suche nach Fischen, die sich im Laub verkrochen hatten. Es war erstaunlich, was diese Methode einbrachte: mehrere sehr schöne, gut ausgefärbte Glasbärblinge (Rasbora trilineata), einige Dornaugen, drei Nander, eine Süßwassernadel, einen Stachelaal und eine wunderschöne, rotbraune Schmerle. Das alles in wenigen Minuten. Sie erbeuteten auch viele Streifenbarben (Puntius fasciatus). Eine hatte eine Gesamtlänge von 17 Zentimeter und 6 Zentimeter Höhe. Sie hatte am Rücken und am Bauch Schlingspuren, war also offenbar schon voll im Maul eines Raubfisches drin; vermutlich war es ein Schlangenkopf.

Der sensationellste Fang war für uns aber ein Chaca chaca-Pärchen. Diese Welse haben einen fast plattgedrückten Kopf mit weit auseinanderstehenden Augen und einem sehr breiten Maul. Ich sah diese Tiere, die fast immer stocksteif verharrend am Gewässergrund liegen, zum erstenmal wenige Tage vorher auf einer Fischfarm in Singapur. Unsere Fange waren aber größer als die dortigen Tiere, die aus Borneo stammten. Auch waren unsere Tiere mehr grau, nicht so rotbraun wie die Indonesier. Das offenbar weibliche Tier hatte einen gelblichen, dick angeschwollenen Bauch.

Die Wasserwerte dieses Seitenarmes unterschieden sich nicht sehr von denen des Hauptstromes: Temperatur 24 - 25" C, pH 6,0, Leitwert 18 Mikrosiemens, Wasser leicht lehmig getrübt, beschattet.

Etwa 15 Meter vom Hauptfluß entfernt fand ich ein kleines, mit Laub und Astwerk teilweise ausgefülltes Wasserloch im Urwald. Dem Lachen meiner Freunde und den verständnislosen Blicken von Matin und seinen Söhnen zum Trotz untersuchte ich den Tümpel. Ich fing in kürzester Zeit eine Unzahl von Kleinfischen, hauptsächlich Barben und Welse. Besonders auffallend waren viele zwei bis drei Zentimeter große, leuchtend rote Kaulquappen mit schöner schwarzer Zeichnung, Das Tümpelwasser war kristallklar, durch den Fang aber schnell völlig lehmig aufgewühlt. Die Wasserwerte: 25 Mikrosiemens, 25 - 26° C.

Vom Bad erfrischt und mit guter Beute belohnt, kehrten wir wieder zum Asli-Dorf zurück; diesmal in Begleitung von Häuptling Matin. Unser Verbleib bei den Eingeborenen war inzwischen geklärt, unsere chinesischen Freunde verabschiedeten sich. Sie hatten noch eine lange Heimfahrt vor sich. So blieben wir drei alleine zurück. Morgen mittag wollten unsere Dolmetscher wiederkommen.

Jetzt wird es Zeit, die Siedlung und die ,,Häuser" zu beschreiben. Das Dorf war fernab von Fahrwegen mitten im Urwald errichtet und etwa 15 Minuten vom Fluß entfernt. Es bestand aus sechs auf Pfählen erbauten Hütten, die aber so weit verstreut waren, daß man im allgemeinen nicht von der einen zur anderen Hütte sehen konnte. Die Urwaldbäume waren im direkten Dorfbereich entfernt worden. Statt dessen wuchsen hier dichte Büsche und Tapiokapflanzen.

Die leicht gebauten Pfahlhäuser waren über eine Art Hühnerleiter zu betreten, Das Dach bestand aus Blättern, die Wände und der Fußboden waren aus Holz und Rinde locker geflochten. Die Hütten waren zwar einfach, aber sie waren ideal dem Leben im Urwald angepaßt. Durch die vielen Ritzen kam ständig ein Lufthauch, der das Leben in diesem Treibhausklima erträglich machte. Das BIätterdach schützte vor Sonne und hielt auch perfekt den heftigen Tropenregen ab, wie wir uns in der übernächsten Nacht überzeugen konnten. Die Küchenabfälle wurden durch die Fußbodenritzen nach unten geworfen, wo die Hunde, Hühner und Enten schon als Abfallverwerter warteten. Man saß und schlief auf dem Fußboden - in dem Raum schliefen wir zu 13 Personen - aber die Hygiene war perfekt. Ich schwöre, ich hatte weder eine Fliege noch eine Mücke, eine Ameise oder irgend ein anderes Iästiges Insekt in der Hütte gesehen.

Wir saßen nun im größten Pfahlhaus. Toto bewohnte sie mit seiner Frau und acht Kindern. Sie war etwa acht Meter lang und 3,50 Meter breit. Uns gegenüber zwei Frauen und etwa zwanzig Kinder in allen Altersstufen, die uns staunend und schweigend aus großen, weit aufgerissenen, dunklen Augen anschauten. Niemand sprach ein Wort. Schließlich bekamen wir eine Schüssel gereicht -- der Inhalt war uns rätselhaft, aber - was sollte man tun?! Erwartungsvoll schauten uns die Gastgeber an. Wir wußten nicht, daß hier der Gast beim Essen den Vortritt hat, die Situation wurde uns aber schnell klar. Also griffen wir in die Schale, natürlich nach Urwaldsitte mit der bloßen Hand. Nur niemanden beleidigen! Die Gastgeber sahen stumm zu.

Aus der anfänglichen beiderseitigen Unsicherheit und Schüchternheit entwickelte sich bald eine herzliche Freundschaft. Vor allem meine Frau wurde von den Frauen und Mädchen des Stammes regelrecht adoptiert. Sie wurde zum Badeplatz geführt und kam - ich wollte meinen Augen nicht trauen - in Asli-Tracht zurück. Jeans geziemen sich für eine Dame im Urwald nicht!

Nach sechs Uhr wurde es schnell dunkel, und im Dschungel begann das unermüdliche Konzert der Zikaden. Bald aber wurden die Urwaldgeräusche durch eine Asli-Kapelle übertönt: Zwei Trommeln und eine uralte Geige - wer weiß, woher die stammte. Die Mädchen hatten sich herausgeputzt, als wollten sie zu einer Modenschau ins Singapore-Hilton: Sie trugen lange, prächtig bunte Kleider. Natürlich wurde auch meine Frau entsprechend eingekleidet. Das war nicht so einfach, denn mit ihrer für unsere Verhältnisse eher bescheidenen Größe von 1,64 m war sie wesentlich größer als alle Mädchen und Frauen des Dorfes. Selbst die Männer waren mit einer Ausnahme kleiner als sie.

Es war eine tolle Tanzparty im Urwald! In einer Reihe standen die Frauen und Mädchen, ihnen gegenüber die Männer. Das Tanzen beschränkte sich auf gelegentlichen Augenkontakt und auf ein Stampfen im monotonen Takt der Trommelschläge. Natürlich haben wir mitgetanzt! Ich hätte es nicht geglaubt, nach einigen Minuten ist man regelrecht in Trance. So ging das die halbe Nacht - und die nächste Nacht übrigens auch!

Ein neuer Morgen. Es war warm wie immer, aber noch dunstig trüb und schwüler als am Tage. Der Weg zur Morgentoilette - ein Bach, der etwa zehn Minuten vom Dorf entfernt vorbeifloß - wurde mir zum Verhängnis: ein leichtsinniger Sprung, ein unglückliches Ausglitschen auf einer feuchten Baumwurzel - mein Fuß knickte um. Ich stand allein im Dschungel. Nur unter heftigen Schmerzen schleppte ich mich zum Dorf zurück. Mein Fußgelenk war kräftig angeschwollen und begann sich zu verfärben. Jedes Auftreten verursachte eine Höllenpein; ich war an mein Lager in der Hütte gefesselt.

Obere Reihe: Begegnungen im Urwald - Jäger bei einer Affen-Mahlzeit / Asli-Frauen mit Kindern. Untere Reihe: Frisch gefangen, der Schlangenkopffisch Channa marulioides / Asli-Mädchen in ihren schönsten Kleidern.

Zu ärgerlich! Wollte ich heute doch Toto bei einem seiner Jagdausflüge begleiten. Doch was bleibt einem übrig? Ich versuchte der Situation das Beste abzugewinnen. Gottlob hatte ich die Biotope schon ausgekundschaftet; jetzt fehlten mir eigentlich nur noch weitere Fische! Das ganze Dorf machte sich jetzt auf die Beine, um mir zu helfen, so als könnten die Fische mich kurieren. Währenddessen hatte ich eine Beschäftigung, von der Fischnarren wie ich nur träumen können. Ich hockte auf meinem Lager, umgeben von Schüsseln und Wannen, und nahm die mit Fischen gefüllten Kokosnußschalen und Becher in Empfang, die mir die kleinen Kinder, die Mädchen und Jungen, die Erwachsenen bis hin zum Häuptling brachten. Ich hatte nur noch zu sortieren: Diese hab' ich schon, diese müssen abgetötet und für die Sammlung des Naturhistorischen Museums in Formalin gelegt werden, diese sollen lebend mitgenommen werden. Toto, der Meisterjäger seines Stammes, ließ mich fragen, ob ich noch besondere Wünsche hätte. Ich fragte ihn nach Fischen, die aussehen wie Laub und deren Schwanz mit einem Wabenmuster überzogen ist. Er verstand mich. Einige Stunden später brachte er mir acht prächtige, ausgewachsene Wabenschwanzguramis (Belontia hasselti).

Etwa 40 verschiedene Arten wurden aus diesem Fluß, den die Eingeborenen Sambulon nannten und der auf keiner Karte verzeichnet ist, herausgeholt. Ohne die Hilfe der Aslis hätte ich auch bei viel größerem Zeitaufwand nur einen Bruchteil dieser Ausbeute erzielen können. Hier ein paar der gefangenen und konservierten Arten: Maulbrütende Kampffische (Betta pugnax), Mosaikfadenfische (Trichogaster leeri, Knurrende Guramis (Trichopsis vittata), Speiseguramis (Osphronemus gorami), Schokoladenguramis (Sphaerichthys osphromenoides), Rüsselschmerlen (Acanthopsis choiorhynchus), Süßwasserflundern, verschiedene Welse (Silurichthys phaiosoma, Leicocassis siamensis u. a.), verschiedene Barben (Puntius lateristriga, P. tetrazona, P. dunckeri, verschiedene Bärblinge (Rasbora elegans, R. dorsiocellata u.a.), verschiedene Botia, Schlangenkopffische und Halbschnabelhechte.

Da ich mich kaum von der Stelle bewegen konnte, machte ich aus der Not eine Tugend und begann die Aslis zu interviewen. Es war nicht leicht, da ich zuerst die Chinesen auf englisch fragen mußte, diese fragten auf malaiisch weiter, und vielfach wurde diese Frage dann noch in die Asli-Sprache übersetzt. Dennoch, der Tag und der Abend waren lang. Ich habe viel über die Sitten und Gebräuche der Urwaldbewohner erfahren. Je mehr ich hörte, desto mehr stieg meine Hochachtung vor diesen Menschen. Der Gesprächsbogen spannte sich von der Kindererziehung über Ehe, Tod, Religion bis hin zu Genuß- und Rauschmitteln. Hier ist nicht der Ort, diese Dinge genauer darzustellen. Aber ich muß gestehen, ich war sehr beeindruckt von den Lebensformen dieses Naturvolkes. Auch die Chinesen, die die Asli seit Jahren gut kennen, bestätigen, daß sie keine friedlicheren und glücklicheren Menschen als diese kennen. Sie streben nicht nach Besitz, kennen keinen Streß und keine Konkurrenz. Sie ,,arbeiten" -· also jagen und fischen - nur, wenn sie gerade Lust haben; sie kennen keinen Streit mit Nachbarn, Ehepartnern oder Kindern.

Natürlich faszinierten uns auch die Jagdmethoden der Asli. Sie gehören zu den wenigen Völkern, bei denen noch die Jagd mit dem Blasrohr üblich ist. Toto und Matin, die beiden einzigen Jäger des Stammes, führten uns den Gebrauch des etwa zwei Meter langen Blasrohres vor. Es dauerte nur knapp eine Minute, den nur 22 Zentimeter lange Holzpfeil herzustellen und anzupassen. Er wird immer erst bei Bedarf hergestellt. Seine Spitze wird in extra zubereitetes Pflanzengift getaucht, dessen Aufbewahrungsort im Urwald nur der Jäger selbst kennt. Der Pfeil wird mit großer Kraft aus dem Rohr herausgeblasen. Auf acht Meter durchbohrte der leichte Holzpfeil mühelos die Gummisohle einer Sandale. Mit Giftpfeilen wollten uns die Jäger allerdings lieber nicht vertraut machen. Die kleinste Verletzung führt innerhalb von Minuten zum Tode. Im allgemeinen jagen die Aslis Affen, seltener auch kleine Rehe und Vögel mit dem Blasrohr.

Am nächsten Tag schnitzte mir Matin eine Krücke. Mit ihrer Hilfe konnte ich mich, wenn auch unter Schmerzen, wieder etwas besser bewegen. Ich humpelte zum Fluß und ließ mich mit meiner Frau von Matin in einem der schmalen Bötchen, die so aussehen, als wurden sie jeden Moment voll Wasser laufen, den Fluß aufwärts paddeln. Jede Flußbiegung ergab ein neues, überwältigendes Urwaldpanorama. An einer Sandbank hielten wir und kontrollierten die Stellnetze. Hauptbeute war der Nilem (Osteochilus hasselti). Matin nahm einen Stock und angelte Früchte von einem Baum. Wir durften die süßlich saueren, wie schwarze Kirschen aussehenden Früchte kosten; doch nach der zweiten Frucht machte uns Matin unmißverständlich klar, daß weiteres Essen ungesund sei. Er preßte sich den Bauch und warf die restlichen Früchte weg. Man muß sich eben auskennen!

Auf der Rückfahrt begegneten wir wieder den Mädchen. Sie hatten immer noch ihre leuchtenden, farbigen Kleider vom vorigen Abend an. Vermutlich wollten sie für ihre Gäste so schön wie möglich sein. Sie stiegen in ein kleines Boot, ruderten an das andere Ufer und standen hier fischefangend mit ihren schönen Gewändern bis zur Brust im Wasser. Ihre Ausbeute: einige niedliche Süßwasserflundern.

Der Abschied fiel uns nicht leicht Das schönste Geschenk, das meine Frau den Mädchen machen konnte: ihr Lippenstift und der Lidschatten. Wir versprachen unseren Freunden im Urwald, ihnen Bilder von uns und unseren Kindern zu schicken. Im Dschungel gibt es zwar keine Briefträger, aber die Chinesen wollten für alles zu sorgen.

Wenige Jahre später war ich wieder in Malaysia. Natürlich besuchte ich wieder meine chinesischen Freunde und selbstverständlich wollte ich noch einmal bei den Aslis vorbeischauen. Meine Freunde schauten skeptisch. Sie fuhren mich in die entsprechende Gegend, aber ich erkannte nichts wieder. So weit ich blickte, nur Kautschukplantagen und Rinderweiden mit einigen wenigen Urwaldriesen als vereinzelte Schattenspender. Die Heimat der Aslis war hier nicht mehr!

Meine Freunde wußten nicht, was aus ihren ehemaligen Zierfischlieferanten geworden war. Sie hatten inzwischen lukrativere Geschäfte. Sie erzählten mir, daß Aslis sicher nicht das Urwaldleben mit dem Leben in der Stadt eintauschen würden, daß sie sich auch nie als Arbeiter auf den Kautschukplantagen verdingen würden. Wenn die moderne Zivilisation zu aufdringlich wird, würden sie ihre wenigen Sachen packen und sich weiter ins Urwaldinnere zurückziehen. Aber wie lange wird das noch möglich sein?

Ursprünglich publiziert im Aquarien-Magazin 1979, Seite 274 bis 282

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